Aus dem Englischen übersetzt, zuletzt geprüft am 19. Oktober 2026. Den Originalartikel auf Englisch lesen
In der Regierungskoalition gibt es Streit über die Pläne, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden durch eine wöchentliche Obergrenze zu ersetzen. Wie DW berichtet, liegt die Reform seit einem Entwurf des Arbeitsministeriums vom Juni 2026 auf Eis. Die Sozialdemokraten haben ihre Position seitdem noch verschärft.
Was passiert ist
DW beginnt mit einer Stellenanzeige. Der finnische Biotechnologiekonzern UPM hat in Leuna eine Bioraffinerie für Chemikalien auf Holzbasis gebaut. Leuna ist ein großer Standort der Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt, an dem mehr als 100 Unternehmen tätig sind. UPM sucht dort einen Chemietechniker oder eine Chemietechnikerin, und Bewerber müssen bereit sein, in 12-Stunden-Schichten zu arbeiten.
Nach deutschem Recht ist der normale Arbeitstag auf acht Stunden begrenzt. Er kann auf zehn Stunden verlängert werden, wenn die Beschäftigten die Mehrarbeit später durch Freizeit ausgleichen. Zwischen zwei Schichten müssen mindestens 11 Stunden Ruhezeit liegen. Laut DW sind in einigen Branchen schon heute längere Arbeitszeiten erlaubt, etwa im Rettungsdienst, im Gesundheitswesen und bei Sicherheitsdiensten. In Kraftwerken, Raffinerien und der Chemieindustrie dürfen Beschäftigte bis zu 12 Stunden am Stück arbeiten.
Arbeitgeber und die konservativen Parteien CDU und CSU fordern seit Langem lockerere Regeln. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), verweist auf die europäische Arbeitszeitrichtlinie, die eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden erlaubt. Der Nachrichtenagentur dpa sagte er, das Arbeitszeitgesetz „stammt aus der Zeit von Faxgeräten und Wählscheibentelefonen“.
Im Koalitionsvertrag von 2025 haben CDU/CSU und die Mitte-links-Partei SPD vereinbart, statt einer täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festzulegen. Die SPD hätte das Gesetz lieber so gelassen, wie es ist. Nach einem Besuch des UPM-Standorts in Leuna im September erzählte Bundeskanzler Friedrich Merz Wirtschaftsvertretern beim Arbeitgebertag in Berlin, er sei „völlig überrascht“ gewesen, dass dort durchgehend in 12-Stunden-Schichten gearbeitet werde, mit Zustimmung des Betriebsrats. „Mehr als acht Stunden zu arbeiten, ist keine Ausbeutung“, sagte er. „Wir sollten das tun.“
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, damals unter der Leitung von Bärbel Bas (SPD), legte im Juni 2026 einen ersten Entwurf vor. Bas ist inzwischen aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Ihr Entwurf sah vor, dass jede Änderung der Arbeitszeitregelungen durch einen Tarifvertrag zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften abgedeckt sein muss. Außerdem enthielt er Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz und verlangte eine elektronische Erfassung der Arbeitszeit. CDU und CSU lehnten ihn sofort ab. Dulger sagte, der Entwurf „muss zurückgezogen und komplett überarbeitet werden“, und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nannte ihn einen „Bruch der im Koalitionsvertrag vereinbarten Verpflichtungen“.
Was das für Sie bedeutet
Vorerst hat sich nichts geändert. Es gelten weiterhin die bisherigen Regeln: in der Regel acht Stunden pro Tag, bis zu zehn Stunden mit Freizeitausgleich und 11 Stunden Ruhezeit zwischen zwei Schichten. Längere Schichten sind nur in den Branchen erlaubt, die DW nennt, etwa im Gesundheitswesen, bei Sicherheitsdiensten, in Kraftwerken, Raffinerien und der Chemieindustrie. An Standorten wie der Bioraffinerie in Leuna werden sie zudem mit dem Betriebsrat vereinbart.
Wenn Sie in der Gastronomie und Hotellerie, im Tourismus oder in projektbasierten Jobs arbeiten, sind Sie in genau den Branchen tätig, die Arbeitgeber am häufigsten als besonders auf mehr Flexibilität angewiesen nennen. Verfolgen Sie diese Debatte also genau. Sollte eine Reform beschlossen werden, wird für Sie vor allem eine Frage wichtig sein: Wer bestimmt über Ihre Arbeitszeit? Annika Klose von der SPD sagte, Flexibilität solle bedeuten, dass man sein Kind zum Fußballtraining bringen und dafür später Feierabend machen kann. Sie solle nicht bedeuten, dass der Chef einem gegen den eigenen Willen sagt, am nächsten Tag von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends zu arbeiten.
Die Gewerkschaft Verdi warnt, deutlich längere Arbeitstage könnten der Gesundheit schaden, Beschäftigte in manchen Branchen unter Druck setzen, längere Schichten zu akzeptieren, und Menschen mit familiären oder pflegerischen Verpflichtungen benachteiligen. Wenn Sie schon jetzt gebeten werden, längere Schichten zu arbeiten, prüfen Sie Ihren Arbeitsvertrag und einen gegebenenfalls für Ihren Betrieb geltenden Tarifvertrag, und klären Sie, ob es bei Ihrem Arbeitgeber einen Betriebsrat gibt.
Wie es weitergeht
Der neue Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) entscheidet, wie das Ministerium weiter vorgeht. Laut DW ist unklar, ob er die Ansicht von Merz teilt, dass sich die Reform „relativ schnell“ umsetzen lässt. Anfang Oktober veröffentlichte die SPD ein siebenseitiges Papier mit dem Titel „Selbstbestimmung statt Deregulierung“. Unterzeichnet haben es die Arbeitsgemeinschaft der Partei für Arbeitnehmerfragen, die Parteijugend Jusos, die Arbeitsgemeinschaft „60plus“ und die Frauenorganisation der Partei. Das Papier wiederholt die Bedingungen aus dem Entwurf vom Juni und fordert, dass Arbeitgeber und Beschäftigte die Arbeitszeiten „gemeinsam und einvernehmlich“ festlegen. DW bezeichnet den Streit als weiteren Stolperstein für eine Regierung, die ohnehin bereits unter Druck steht.
Quelle: DW
Quellen
- DW: Is Germany's eight-hour workday under threat?, abgerufen am 19. Oktober 2026
Deutschland für Internationale
Eine E-Mail pro Woche: die Nachrichten der Woche für Internationale in Deutschland, neue praktische Ratgeber und was sich in den Städten geändert hat. Kein Spam, jederzeit abbestellbar.












